©Doris Beissel

Die Gedanken... 

Ich liebe es zu zeichnen. Schon als kleines Mädchen – so erzählt meine Mutter – musste ich das erste Bild des Tages vor Beginn des Kindergartens beenden. Sonst konnte ich nicht spielen gehen. 

Im Kunststudium stellte ich dann allerdings fest, dass mir das Zeichnen alleine nicht ausreicht. Es gibt mir nicht genug Tiefe. In der Malerei fehlt mir das Graphische, Pinsel sind so flexibel. Als ich dann über einen Bildband mit Lithographien von Bruno Bruni stolperte, wusste ich, dass ich unbedingt diese Lithographie ausprobieren muss. Sie entpuppte sich als etwas völlig anderes als ich erwartet hatte – aber im positiven Sinn. 

Die Lithographie gibt mir die Möglichkeit Zeichnung und Malerei im richtigen Verhältnis zu verbinden. Lithokreide funktioniert wie ein Graphitstift, Lithotusche ähnelt dem Aquarell. Das Übereinanderlegen verschiedener Schichten auf dem Stein erzeugt Tiefe, das Ätzen mit Salpetersäure hinterlässt zufällig seine Spuren in der Tusche. Nicht alles kann kontrolliert werden. Weiße Linien oder Flächen können durch Abschaben oder Abdecken erzeugt werden, die Auswahl verschiedener Farben im Druckprozess ändert gerne den Ausdruck der Graphik, genau wie das Spiel mit verschiedenen Papiersorten. All diese Möglichkeiten eröffnen einen Spielraum, der eine simple Zeichnung vor Neid erblassen lässt. Und dann haben wir noch nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, verschiedene Steine in Farbe übereinander zu drucken. 

Auf der Suche nach einer werkstattlosen Alternative bin ich nach Beendigung meines Studiums beim Aquarell geendet. Aquarellfarben ermöglichen mir ähnliche durchscheinende, wässrige Strukturen wie auch geätzte Lithotusche. Der Einsatz verschiedener Materialien wie z.B. Salz ergibt immer wieder spannende Veränderungen. Aquarellstifte intensivieren die Farben oder stehen alleine als graphische Elemente im Bild – ähnlich wieder Einsatz von Bleistift oder Graphit. 

Dieses Spiel von Malerei und Zeichnung, dem Zufall, der Vielschichtigkeit gegenüber nur einer einzelnen Schicht oder gar freier Fläche durchzieht mein Werk. Realistisch ausgearbeitete Teile stehen neben graphischer oder farblicher Abstraktion. Transparente Strukturen und Zufallsprodukte ergänzen fein säuberlich herausgearbeitete, dreidimensionale Parts. Die Betrachtenden werden herausgefordert zu suchen und zu finden, gedanklich zu ergänzen, sich ihren Teil zu denken – oder das Bild einfach nur auf sich wirken zu lassen. 

Die Inhalte...

Das Leben heute wird immer mehr von Stress, negativen Vorfällen wie Kriegen, Klima-Extremen, Menschen-Extremen geprägt. Kulturelle Unterschiede bedingen Missverständnisse und Konfliktsituationen sowohl im Großen als auch im Kleinen. Zu viele Menschen sind unzufrieden mit dem, was sie haben und wer sie sind. Der Neid auf andere wächst. 

Dass jedoch gerade dieser kulturellen Vielfalt und Vielschichtigkeit eine besondere Schönheit innewohnt, wird im komplexen Alltag oft schnell vergessen. Momente, in denen wir keinen Einfluss haben, stehen Momenten gegenüber, in denen wir den Ton angeben. 

Der negativen Herausforderungen des Lebens setze ich Persönlichkeiten und Gesichter, Tiere und Landschaften entgegen, die Mut machen. Ich schichte sie Lage für Lage aufs Papier, lasse sie wachsen, um ihrer Vielschichtigkeit, individuellen Schönheit und Tiefe gerecht zu werden. 

©Doris Beissel
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Doris Beißel

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